Krieg der Viren – vor allem in den Köpfen

Ziemlich seltsam, diese Zeiten, in denen wir alle uns angesichts der SARS-CoV-2-Pandemie in einer Situation wiederfinden, die unsere Generation so nicht kennt.

Auch ich bin ins Homeoffice geraten, wie fast alle meiner Arbeitskollegen am Theater Plauen-Zwickau auch. Wir haben einfach auf virtuelles Theater umgesattelt und bringen nun täglich kleine Beiträge von und mit Mitgliedern unseres Ensembles aller Sparten.

Während draußen die verordnete Stille und die in die Wohnzimmer, Sozialen Medien und Supermärkte verbannte Hysterie tobt, möchte ich gleich als Opener dieses Blog-Beitrages, der ausnahmsweise mal nichts mit meiner fotografischen Arbeit und dem Drumherum zu tun hat, das folgende, heutige Video bringen, das wir im Zuge des virtuellen Notstandstheaters in den Sozialen Medien gepostet haben – et voilà, Else Hennig und Roland May in einer szenischen Lesung mit dem so plötzlich schrecklich aktuell gewordenen Titel „Krieg der Viren“, Heiner Müller, 1989:

 

 

Angst. Überall Angst.

Es ist nichts Neues: wer Angst hat, den kann man gut lenken. Das wird nicht nur in den USA exzessiv so praktiziert und gelebt. Also muss man möglichst viel Angst generieren, damit das Volk gehorsam bleibt. Und dann kommen sie, die apokalyptischen Schreckensmeldungen auf allen Kanälen. Wer in Quarantäne oder dem Homeoffice gefangen ist und sich tagtäglich durch die Medien zappt, bekommt schnell eine Überdosis und muss defacto den Eindruck gewinnen, dass demnächst die Straßen von Leichen gepflastert sein werden und Untote alles an Gehirn fressen, was sie finden können. Die werden halt nicht satt werden, denn Gehirn ist ganz offenbar schon seit Beginn der Corona-Krise rar.

Das besonders bittere daran ist jedoch, dass man leider sogar Verständnis haben muss dafür, dass diese Angst derart inflationär geschürt wird – denn es scheint der einzige Weg zu sein, die breite Masse dazu zu bewegen, sich vernünftig und der Situiation angepasst zu verhalten. Die allseits bekannte German Angst ist eine gute Basis dafür. Die Wahrheit und das, worum es eigentlich geht, bleibt dabei schnell auf der Strecke. Und so entsteht ein Teufelskreis, eine Art Spirale aus Angst, absurdem Verhalten, treten nach unten, Verschwörungstheorien, Profilierungssucht und Coronafaschismus. Ein weiteres Mal bewahrheitet sich eine geflügelte Inhaltsbeschreibung des auflagenstärksten deutschen Unterhaltungsblattes, der BILD: Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht.

 

Coronafaschismus

Man sagt, in Krisenzeiten zeigen sich die besten und die schlechtesten Seiten der Menschen. Was aber ist nun das beste, was das schlechteste? Die dumpfen Pöbeleien und das, was man als „Meinungsfreiheit“ an der Social-Media-Pissrinne aushalten muss, will ich da gar nicht thematisieren. Auch nicht die Einsatz- und Improvisationsbereitschaft vieler Menschen, die einfach mit Vernunft und Kreativität auf allen Ebenen die Situation meistern. Das Leerkaufen von Supermärkten ist allerdings weder kreativ noch irgendwie clever, das ist einfach nur Angstegoismus, ebenso wie der gefährliche Mix aus Dummheit, Halbwissen und Informationsfaulheit, wenn der Pöbel den Medizinern die Ausrüstung stiehlt.

Was ist nun aber mit all denen, die Gutes tun? Ist es vielleicht das Beste, den Output, das mit Händen greifbare Ergebnis zu werten, nichts anderes? Ich glaube ja – denn sonst bekommt auch die große Hilfsbereitschaft einen faden Beigeschmack, wenn parallel zur Hilfeleistung die Protagonisten in Social-Media-Kanälen das eigene Tun zum Heldentum stilisieren und sich gegenseitig der Außergewöhnlichkeit ihrer Leistungserbringung versichern. Ein bizarres Beispiel ist die Überlegung, sich gemeinschaftlichT-Shirts zur krisensolidarischen Uniformierung bedrucken zu lassen, die den Hilfeleistenden als solchen markierden. Der Solidaritätsmensch möchte sich schließlich auch im öffentlichen Raum, soweit noch möglich, als Alltagsheld labeln. Geht’s bitte einfach auch ohne? Einfach nur so helfen. Sonst bleibt leider nur festzustellen, dass das reihenweise Helfen nichts weiter ist als narzisstischer Profilierungsegoismus, die Coronaparty der hilfreicheren Art. Nirgendwo wird das so offensichtlich wie in Facebook-Gruppen, in denen die eigene Hilfsbereitschaft in genannter Weise und bis zum Erbrechen selbst gefeiert wird. Man muss es wohl aber akzeptieren, denn letztlich ist der Output gut und dienlich. Leider geht Fresse halten und tun was nötig ist wohl oft einfach nicht. Also nehmen wir an Gutem, was wir kriegen können – die Zuordnung bekommt jedoch einen Drall, zum Leidwesen derer, die es eben einfach tun, ohne dafür Streicheleinheiten einzufordern.

Ich muss viel darüber nachdenken, wenn ich mich frage, was denn nun die guten und die schlechten Seiten sind. Die schlechten liegen auf der Hand. Aber was sind die guten? Ist es gut, ohne zu hinterfragen den Anweisungen der Behörden zu folgen? Sicher. Das ist mindestens gehorsam und auch ratsam, um überhaupt irgendwas zu tun. Aber ist es auch gut, jeden, der ebendiese Maßnahmen kritisch interessiert hinterfragt, als unvernünftigen Sonderling zu stigmatisieren oder in die Ecke derjenigen zu stellen, die in Verkennung des Problems ewig ihre Grippevergleiche ausdünsten? Es ist wieder Zeit, schwarzweiß zu denken. Das ist ein Punkt, der mich umtreibt. Ebenso macht es mir Sorgen, wie leicht die Persönlichkeitsrechte abzuschaffen sind – alternativlos, wie generell suggeriert wird. „Jawoll, alternativlos!“ repetiert ein Großteil der Bürger und klatscht Beifall. Ist dem wirklich so? Die Wege, die andere Länder gehen, werden kaum erwähnt und ggf. zerkritisiert. Besser oder schlechter dastehen tut hier allerdings keiner, wenn man die Prognosen berücksichtigt. Zwei Dinge vermisse ich in jedem Fall: Vollständigkeit in der Aufklärung und Vernunft bei den Menschen.

 

Das Mantra von der Alternativlosigkeit

Es gibt mehrere Arten, der Krise Herr zu werden. Welche davon die beste ist, werden wir erst hinterher wissen. Eine ist die, die wir in Deutschland gerade erleben. Und es ist hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte die drastischste. Warum wir hier keinen anderen Weg wählen, wie es in anderen Ländern getan wurde und wird, der bei wahrscheinlich gleichem Erfolg vielleicht weniger tiefe Einschnitte bedeuten würde, wird einfach nicht erklärt. Da ist auch kein Platz für, denn wir müssen genügend Horror in den Medien plazieren, damit auch jedem Nachdenkfetischisten die Richtigkeit eingeimpft wird. Wie das eben so ist mit Alternativlosigkeiten. Da gehört nachfragen auch nicht zum guten Ton.

Für mich ist das bereits das Ende der 1. Woche unter Ausgangsbeschränkung und der 2. Woche Homeoffice. Unsere Persönlichkeitsrechte wurden also schon stark beschnitten. Das ging ganz schnell und einige Politiker, vornehmlich aus blauweißkarierten Gefilden, wittern hier die Chance, sich als starke Männer in harten Zeiten besonders hevorzutun. Die nächste Sau ist auch schon im Anmarsch, um durchs Dorf getrieben zu werden: Wochenmärkte schließen, sodass niemand mehr frische, gesunde und regionale Produkte kaufen kann. Warum sind solche Wochenmärkte gefährlicher, als jeder Supermarkt? Heute Morgen erzählt mir der Kultursender aus meinem alten, zum Bad-Radio umfunktionierten iPad heraus, dass die zuständigen Autoritäten jetzt beginnen, über Strategien nachzudenken, mit dem SARS-CoV-2-Virus infizierte Menschen in Pflegeheimen zu isolieren. Ach, doch heute schon? Und während in den Medien eine nicht weiter erklärte und mit keinerlei statistischer Relation versehene Horrorzahl die nächste jagt und zugleich über den Tabubruch der massenweise Weitergabe von Handydaten schwadroniert wird (was leider ja bereits auch schon passiert ist und was auch die einschlägigen Fachleute für unangemessen halten), herrschen derartige Zustände in wirklich sensiblen Bereichen – dort, wo die Risikogruppen auf einen Haufen zusammensitzen. Über breit angelegte Tests zur Ermittlung des wirklichen Status Quo wird debattiert, statt ähnlich schnell zu handeln, wie bei den Ausgangsbeschränkungen. Das ist Realsatire. Merkt ja aber keiner, weil ja alle mit den eingangs genannten Dingen beschäftigt sind.

Ich höre nicht mehr zu. Warum sollte ich? Wir sind im Theater.


PS: Viel Vernünftiges und ganz offensichtlich konstruktiv aufs Problem beschränktes gibt es ja derzeit nicht zu konsumieren, umso mehr ist dieses Statement von Oberarzt Michael Horn aus dem Heinrich-Braun-Krankenhaus hier in Zwickau etwas, das Gehör finden sollte – vor allem auch bei all jenen, die sich weigern zu verstehen, was das Problem ist. Ungeachtet dessen, ob man den Weg, der bei uns gegangen wird, richtig findet.